Engineering-Teams skalieren: Von 5 auf 50 Entwickler
Praktische Strategien zum Wachstum von Engineering-Organisationen unter Beibehaltung von Velocity, Kultur und Code-Qualität. Der Artikel behandelt Team-Struktur, Hiring, Onboarding und Prozess-Evolution durch alle Wachstumsphasen.
Engineering-Teams skalieren: Von 5 auf 50 Entwickler
Das Skalieren eines Engineering-Teams gehört zu den komplexesten und kritischsten Herausforderungen für wachsende Tech-Unternehmen. Was bei fünf Entwicklern reibungslos funktioniert, bricht bei 15 zusammen. Die Strukturen, die bei 20 Engineers funktionieren, skalieren nicht auf 50. Dieser Artikel zeigt bewährte Strategien für nachhaltiges Team-Wachstum basierend auf Erfahrungen aus zahlreichen Skalierungsprozessen – mit allen Erfolgen, Fehlern und daraus gezogenen Lektionen.
Die zentrale Erkenntnis vorweg: Erfolgreiches Skalieren ist keine lineare Extrapolation des Status Quo. Es erfordert fundamentale Transformationen in Struktur, Prozessen und Kultur an klar definierbaren Schwellenwerten. Unternehmen, die diese Transitionen antizipieren und proaktiv angehen, skalieren elegant. Diejenigen, die reaktiv agieren, durchleben schmerzhafte Krisen mit sinkender Produktivität, frustrierten Engineers und qualitativ minderwertigen Produkten.
Die kritischen Schwellen: Wo Strukturen brechen
Engineering-Teams durchlaufen während des Wachstums mehrere kritische Schwellen, an denen alte Strukturen und Prozesse nicht mehr funktionieren. Diese Schwellen sind überraschend konsistent über verschiedene Unternehmen hinweg und wurden sowohl durch empirische Forschung (wie den „Mythical Man-Month" von Fred Brooks) als auch durch praktische Erfahrung bestätigt.
Phase 1: Das Gründungsteam (1-5 Entwickler)
In dieser Phase herrscht maximale Agilität. Die Kommunikation ist direkt und Ad-hoc – ein Zuruf über den Tisch reicht. Jeder kennt jeden Teil des Codebases. Entscheidungen werden konsensual und schnell getroffen. Es gibt kaum formale Prozesse, weil sie nicht nötig sind. Der gesamte Kontext passt in die Köpfe von fünf Menschen.
Charakteristika:
- Struktur: Vollständig flach, kein formales Management
- Kommunikation: Direkt, synchron, oft verbal
- Prozesse: Minimal bis nicht-existent
- Code Ownership: Kollektiv – jeder arbeitet überall
- Entscheidungsfindung: Schnell, konsensual oder durch technischen Gründer
Diese Phase funktioniert wunderbar für MVP-Entwicklung und frühe Product-Market-Fit-Suche. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist maximal, die Overhead minimal. Aber diese Struktur hat eine natürliche Kapazitätsgrenze: Etwa fünf bis sieben Personen können effektiv in diesem Modus arbeiten, bevor die Kommunikations-Komplexität explodiert.
Die Mathematik ist brutal einfach: Bei fünf Personen gibt es zehn potentielle Kommunikationskanäle. Bei zehn Personen sind es bereits 45. Die Kommunikations-Overhead wächst quadratisch mit der Teamgröße, während die Produktivität bestenfalls linear wächst. Ohne strukturelle Änderungen führt Wachstum über fünf Personen hinaus zu sinkender Produktivität pro Person.
Phase 2: Die erste Strukturierung (5-15 Entwickler)
Der Übergang von fünf auf 15 Entwickler ist die erste kritische Transformation. Unternehmen, die diesen Übergang ignorieren oder zu spät angehen, erleben typischerweise eine „Chaosphase" mit folgenden Symptomen:
Warnsignale des Chaos:
- Häufige Merge-Konflikte, weil mehrere Entwickler am selben Code arbeiten ohne Koordination
- Unklare Verantwortlichkeiten: „Wer ist eigentlich für das Auth-System verantwortlich?"
- Meeting-Explosion: Es braucht ständig Ad-hoc-Meetings zur Koordination
- Wissenss
ilos: Nur Sarah versteht die Datenbank, nur Tom kennt das Frontend
- Deployment-Angst: Niemand weiß genau, was im nächsten Deployment drin ist
Das fundamentale Problem ist, dass das kollektive Ownership-Modell bei dieser Größe nicht mehr funktioniert. Niemand kann mehr den gesamten Codebase im Kopf behalten. Gleichzeitig sind Ad-hoc-Kommunikation und mangelnde Prozesse zu chaotisch für koordinierte Arbeit.
Die notwendigen Strukturen:
1. Team-Bildung: Die erste und wichtigste Intervention ist die Bildung von zwei bis drei fokussierten Teams mit klaren Verantwortlichkeitsbereichen. Eine bewährte Aufteilung für ein 12-Personen-Engineering-Team könnte sein:
Product Team A (4 Developers + 1 Tech Lead)
└── Fokus: Customer-Facing Features (Frontend, User APIs, Payment)
Product Team B (3 Developers + 1 Tech Lead)
└── Fokus: Admin Tools & Internal Systems (Dashboard, Analytics, Backoffice)
Platform Team (3 Developers + 1 Tech Lead)
└── Fokus: Infrastructure, Shared APIs, Developer Tools, CI/CD
Diese Struktur hat mehrere Vorteile: Jedes Team ist klein genug für effektive interne Kommunikation (3-5 Personen). Jedes Team hat einen klaren Fokus, der Ownership und Autonomie ermöglicht. Der Tech Lead hat eine formelle Rolle, ohne schwerfälliges Middle-Management einzuführen.
2. Tech Lead-Rolle etablieren: Die Rolle des Tech Leads ist kritisch und oft missverstanden. Ein guter Tech Lead in dieser Phase ist:
- Noch zu 60-70% hands-on Developer
- Verantwortlich für technische Entscheidungen in seinem Bereich
- Mentor für Junior Developers
- Koordinator mit anderen Teams
- KEIN klassischer Manager – Hiring, Performance Reviews und strategische Entscheidungen bleiben beim CTO/VP Engineering
Die Tech Lead-Rolle sollte primär eine technische Leadership-Position sein, keine People-Management-Position. Der häufigste Fehler ist, Tech Leads mit Management-Aufgaben zu überladen, wodurch sie weder gute Engineers noch gute Manager sind.
3. Basis-Prozesse: Mit 10-15 Personen braucht es erstmals formale Prozesse, aber die Kunst liegt darin, nicht zu viel einzuführen. Die minimale Menge an Prozess, die funktioniert:
Code Reviews: Verpflichtend für alle Änderungen, mit einem Maximum von 24 Stunden Turn-around. Eine einfache Review-Checkliste etablieren:
- Funktioniert der Code wie beabsichtigt?
- Sind Tests vorhanden und ausreichend?
- Folgt der Code den Team-Konventionen?
- Gibt es offensichtliche Security- oder Performance-Probleme?
- Ist der Code verständlich und maintainable?
Sprint Planning (falls Scrum verwendet wird): Zweiwöchige Sprints mit klarem Rhythm. Das Planning erfolgt gemeinsam für Alignment, aber jedes Team plant seine eigenen Stories detailliert.
Technical Debt Management: Das Etablieren einer 80/20-Regel: 80% der Zeit für Features, 20% für Technical Debt, Refactoring, Tooling-Improvements. Diese 20% sind non-negotiable und ins Sprint-Planning integriert, nicht als "machen wir, wenn Zeit ist".
4. Dokumentation etablieren: Ab dieser Größe kann Wissen nicht mehr nur in Köpfen existieren. Minimale aber kritische Dokumentation:
Architecture Decision Records (ADRs): Jede wichtige technische Entscheidung wird dokumentiert mit Context, betrachteten Alternativen, getroffener Entscheidung und erwarteten Konsequenzen. ADRs leben im Git-Repository und sind versioniert.
API-Dokumentation: Alle internen und externen APIs werden dokumentiert, idealerweise auto-generiert aus Code (OpenAPI/Swagger).
Onboarding-Guide: Ein 3-5 seitiges Dokument, das neuen Engineers erklärt: Wie setzt man das Dev-Environment auf? Wie macht man den ersten Deployment? Wer sind die Ansprechpartner für welche Bereiche? Was sind unsere wichtigsten Konventionen?
Runbooks: Für kritische Operationen (Deployments, Incident Response, Database Migrations) existieren Step-by-Step-Guides.
Phase 3: Multi-Team-Organisation (15-30 Entwickler)
Der Sprung von 15 auf 30 Entwickler erfordert eine weitere strukturelle Transformation. Mit drei bis fünf Teams entstehen neue Herausforderungen: Team-übergreifende Koordination, unterschiedliche Team-Velocities, Ressourcen-Konflikte, Architektur-Konsistenz.
Neue Rollen werden kritisch:
Engineering Manager: Ab etwa 15-20 Developers braucht es dediziertes People Management. Die Engineering Manager (EMs) sind verantwortlich für:
- 1-on-1s und Career Development
- Performance Management und Reviews
- Hiring und Interviewing
- Team Health und Kultur
- Ressourcen-Planung
Wichtig: EMs sind NICHT notwendigerweise hands-on technical. Sie fokussieren auf Menschen und Prozesse. Die technische Direction kommt von Tech Leads oder Staff Engineers.
Staff/Principal Engineers: Parallel zu EMs braucht es Senior Technical Leadership ohne Management-Verantwortung. Staff Engineers:
- Definieren technische Strategie und Architektur-Richtung
- Arbeiten Team-übergreifend an komplexen technischen Problemen
- Mentoren Tech Leads und Senior Engineers
- Bleiben hands-on (50-70% Code)
Product Manager pro Team: Falls noch nicht vorhanden, braucht jedes Feature Team einen dedizierten PM, der Prioritäten setzt, Requirements sammelt und mit Business-Stakeholdern kommuniziert.
Die Team-Topologie verfeinern:
Bei 25-30 Developers empfiehlt sich eine Struktur basierend auf Team Topologies (von Matthew Skelton und Manuel Pais):
Feature/Stream-Aligned Teams (Direct Value Delivery):
├── Acquisition Squad (5 Devs, 1 EM, 1 PM)
│ └── Alles, was neue User bringt: Landing Pages, Signup, Onboarding
├── Activation Squad (5 Devs, 1 EM, 1 PM)
│ └── Erste User-Experience, Aha-Moment, Core-Workflows
├── Monetization Squad (4 Devs, 1 EM, 1 PM)
│ └── Pricing, Payment, Billing, Subscriptions
Enabling Teams (Capability Building):
├── Platform Team (6 Devs, 1 EM, 1 Staff Engineer)
│ └── APIs, Infrastructure, Dev-Experience, CI/CD
└── Data Team (4 Devs, 1 EM, 1 Data Engineer)
└── Data Pipeline, Analytics, ML, Reporting
Cross-Cutting Functions:
└── Staff Engineers (2-3)
└── Architecture Oversight, Technical Strategy, Complex Problem Solving
Diese Struktur trennt klar zwischen Teams, die direkt Business-Value liefern (Feature Teams), und Teams, die die Capability der Organisation erhöhen (Platform, Data). Jedes Feature Team hat End-to-End-Ownership über einen Teil der User Journey.
Kommunikations-Strukturen etablieren:
Mit mehreren Teams wird Kommunikation zur Herausforderung. Conway's Law besagt: "Organizations design systems that mirror their communication structures." Das bedeutet, unsere Team-Struktur beeinflusst direkt unsere Software-Architektur. Gute Kommunikations-Strukturen sind essentiell:
Regelmäßige Meetings:
- Weekly Engineering All-Hands (30 min): Alle Engineers, Updates zu Releases, wichtigen Projekten, Architecture Changes, Erfolgen
- Bi-weekly Tech Leads Sync (60 min): Alle Tech Leads, Koordination, Technical Debt Review, Cross-Team-Dependencies
- Monthly Architecture Review (90 min): Staff Engineers, Tech Leads, EMs - Review großer Architecture Changes, RFC-Discussions
- Quarterly Planning (Full Day): Gesamtes Engineering Leadership, Roadmap für nächstes Quarter, OKR-Setting
Asynchrone Kommunikation:
- RFC (Request for Comments) Prozess: Große technische Changes werden als RFC dokumentiert, mindestens eine Woche zur Review, explizites Approval nötig
- #engineering-updates Slack Channel: Alle wichtigen Updates werden hier gepostet (Deployments, Incidents, Architektur-Entscheidungen)
- Bi-weekly Engineering Newsletter: Zusammenfassung der letzten zwei Wochen, Highlights, Learnings, anstehende Changes
Technical Governance:
Mit wachsender Größe braucht es Mechanismen, um technische Kohärenz zu wahren:
Architecture Guild: Ein Gremium aus Staff Engineers, Tech Leads und interessierten Senior Engineers, das sich monatlich trifft um:
- Große Architecture-Decisions zu reviewen
- Technology Radar zu pflegen (Welche Technologies sind "Adopt", "Trial", "Assess", "Hold"?)
- Standards und Best Practices zu definieren
- Technical Debt zu priorisieren
Code Quality Gates: Automatisierte Quality-Checks im CI/CD:
- Test Coverage > 80%
- Code Complexity Metrics (z.B. Cyclomatic Complexity < 10)
- Security Scans (SAST Tools wie SonarQube, Snyk)
- Dependency Vulnerability Scans
Quarterly Code Health Reviews: Jedes Team reviewed quartalsweise die Gesundheit seiner Codebase und erstellt einen Plan für die Top 3 Tech-Debt-Items.
Phase 4: Die Engineering-Abteilung (30-50+ Entwickler)
Ab 30-40 Developers wird Engineering zu einer "Abteilung" mit mehreren Management-Ebenen, formalen Prozessen und komplexer Governance. Die größte Herausforderung ist, trotz notwendiger Strukturen die Agilität und Startup-Kultur zu bewahren.
Leadership-Struktur:
CTO
├── VP Engineering
│ ├── Engineering Managers (4-6, je 5-8 Reports)
│ │ └── Individual Contributors (Developers, QA)
│ └── Staff/Principal Engineers (3-5)
│ └── Technical Leadership ohne Reports
├── Head of Platform/Infrastructure
│ └── Platform Engineering, DevOps, SRE, Security
└── Head of Engineering Excellence
├── Developer Experience Team
├── Quality Engineering / Test Automation
└── Engineering Operations / Tooling
Diese Struktur trennt klar die People-Management-Hierarchie (VP Eng → EMs → ICs) von der Technical Leadership-Hierarchie (CTO → Staff Engineers). Beide sind legitime Karriere-Pfade, und Senior Engineers können sich entscheiden, ob sie Management oder Deep Technical-Expertise verfolgen wollen.
Formalisierte Prozesse:
Performance Management:
- Halbjährliche Performance Reviews mit 360-Grad-Feedback
- Klar definierte Career Ladders (Junior → Mid → Senior → Staff → Principal)
- Transparente Promotion-Prozesse mit dokumentierten Kriterien
- Salary Bands und Equity-Strukturen pro Level
Planning-Prozesse:
- Quarterly OKRs (Objectives & Key Results): Top-Down von CTO, kaskadiert zu Teams
- Roadmap Planning: 6-12 Monate Roadmap pro Team mit Quarterly Updates
- Capacity Planning: Vorausschauende Planung von Hiring, Budget, Ressourcen-Allokation
- Tech Investment Budgets: Explizites Budget (Zeit und Geld) für Technical Debt, Tooling, R&D
Hiring-Prozess:
- Strukturierter Interview-Loop mit definierten Rollen (Technical Screen, Coding Interview, System Design, Behavioral, Team Fit)
- Interview Training für alle Interviewer
- Calibration Sessions um Consistency zu sichern
- Candidate Experience Tracking
Hiring-Strategien durch die Phasen
Die Hiring-Strategie muss sich mit der Team-Größe evolution. Was in Phase 1 funktioniert, ist in Phase 4 ineffizient.
Phase 1 (5→15): Generalists mit Kultur-Fit
In dieser Phase braucht das Team primär Generalists – Engineers, die überall helfen können, schnell lernen und zur Kultur passen.
Ideal Profile:
- 60% Mid-Level Engineers (3-5 Jahre Erfahrung)
- 30% Senior Engineers (5-8 Jahre)
- 10% Junior Engineers (< 3 Jahre)
Die Priorisierung ist: Kultur-Fit > Lernfähigkeit > Spezifische Skills. Ein Mid-Level Engineer mit perfektem Kultur-Fit und Lernbereitschaft ist wertvoller als ein Senior mit falschem Culture Fit.
Interview-Prozess:
- Technical Screening (1h): Per Videocall, Live-Coding einer einfachen Aufgabe
- Take-Home Challenge ODER Pair Programming (2-3h): Realistische Aufgabe, die Denken zeigt
- Team-Fit Interview (1h): Mit mehreren Team-Members, Fokus auf Working Style und Values
- Founder/CTO Gespräch (45min): Vision Alignment, Motivation, Long-Term-Fit
Time-to-Hire Ziel: 2-3 Wochen vom ersten Kontakt bis Offer.
Phase 2 (15→30): Spezialisten und Multiplier
In dieser Phase braucht das Team erste Spezialisten in kritischen Bereichen und Engineers, die als "Force Multiplier" fungieren – die andere besser machen.
Profile-Mix:
- 50% Mid-Level
- 35% Senior
- 10% Junior
- 5% Staff/Principal (Multiplier-Rolle)
Fokus-Bereiche für Spezialisten:
- Frontend/Backend-Spezialisierung wo vorher Full-Stack war
- Domain-Expertise (z.B. Security, Performance, Data Engineering)
- Platform/Infrastructure-Expertise
Sourcing-Kanäle erweitern:
- Eigenes Employer Branding: Tech-Blog, Conference Talks, Open Source
- Referral-Programm: Starke Incentives (€3.000-€5.000 Bonus für erfolgreiche Hires)
- Tech-Events und Meetups: Aktive Präsenz in der Community
- University Relations: Kontakte zu Unis für Early-Career-Hires
Phase 3 (30→50+): Leadership und Specialists
Ab 30+ braucht es verstärkt Leadership (EMs, Staff Engineers) und Deep Specialists.
Leadership Hiring: Engineering Managers zu finden ist schwierig. Gute EMs sind rar. Zwei Strategien:
- Intern entwickeln: Beste Option. Senior Engineers mit Leadership-Interesse zu EMs entwickeln
- Extern rekrutieren: Wenn intern nicht möglich, Executive Search Firms nutzen
Staff Engineers: Noch härter zu finden. Staff Engineers sind Super-Senior ICs mit breiter Impact-Area. Recruiting-Strategie:
- Direktes Sourcing über LinkedIn von Engineers bei Tech-Leadern (FAANG, erfolgreiche Startups)
- Competitive Compensation (oft €120K-€150K+ für Staff)
- Spannende technische Challenges als Selling-Point
Onboarding bei Scale
Ein exzellentes Onboarding-Programm wird kritischer, je größer das Team. Bei 5 Engineers kann man Ad-hoc onboarden. Bei 50 braucht es einen standardisierten Prozess.
Strukturiertes 90-Tage-Onboarding
Week 1: Foundation
- Tag 1-2: Setup (Laptop, Accounts, Tools), Company & Product Deep-Dive
- Tag 3: Codebase-Tour mit Tech Lead, Architecture Overview
- Tag 4: Erste kleine Code-Änderung (dokumentierte Starter-Task), PR erstellen
- Tag 5: Erster PR gemerged, Team-Lunch, 1-on-1 mit Manager
Week 2-4: Ramp-Up
- Erste echte Features/Bugs (zunehmende Komplexität)
- Pair Programming mit verschiedenen Team-Members
- Attendance bei wichtigen Meetings (Planning, Retro, All-Hands)
- Mid-Onboarding Check-in mit Manager (Feedback, Fragen, Adjustments)
Month 2-3: Autonomy
- Eigenständige Feature-Entwicklung
- Participation in Architecture Discussions
- Erste PR Reviews durchführen
- Optional: Lightning Talk über etwas Gelerntes
Success-Metrik: Neuer Engineer ist nach 30 Tagen produktiv (contributet echte Features), nach 60 Tagen autonom (braucht minimale Guidance), nach 90 Tagen voll ramped (Performance wie erwartet für Level).
Onboarding-Buddy-System: Jedem neuen Engineer wird ein Buddy zugewiesen – ein Senior/Mid-Level Engineer, der als erster Ansprechpartner fungiert für alle Fragen, die "zu dumm" für den Manager erscheinen.
Häufige Fehler und wie man sie vermeidet
Fehler 1: Zu schnelles Wachstum
Das Problem: Von 5 auf 20 in drei Monaten zu wachsen überfordert das System komplett.
Warum es scheitert:
- Vorhandene Engineers verbringen 80% ihrer Zeit mit Onboarding neuer Colleagues
- Kultur verwässert, weil neue Engineers die Kultur nicht absorbieren können bevor die nächste Welle kommt
- Code-Qualität leidet unter Zeitdruck und unerfahrenen Contributors
- Prozesse existieren nicht oder werden ignoriert in der Hektik
Die Lösung: Maximales Wachstum von 50% pro Quartal. Wenn das Team 10 Leute hat, nicht mehr als 5 neue Hires im Quartal. Diese Grenze ermöglicht:
- Jeder neue Hire bekommt adäquates Onboarding
- Kultur bleibt cohesive
- Systeme und Prozesse können mit-wachsen
Ausnahme: Wenn man ein komplettes neues Team added (z.B. ein Data-Team von 5 Leuten mit eigenem EM), kann man schneller wachsen, weil das neue Team relativ isoliert onboarden kann.
Fehler 2: Falsche Hiring-Reihenfolge
Das Problem: Mehrere Junior Engineers ohne Senior Mentoren einstellen.
Warum es scheitert:
- Junior Engineers brauchen Mentoring und Guidance
- Ohne Seniors gibt es niemanden, der diese Guidance liefern kann
- Code-Qualität sinkt, bad Practices werden etabliert
- Juniors sind frustriert wegen mangelnder Entwicklung
Die Lösung: Mindestens 2:1 Ratio von Senior/Mid zu Junior. Bevor man Juniors einstellt, sicherstellen, dass genug Senior Capacity für Mentoring da ist.
Konkret: Bei einem 10-Person-Team sollten maximal 3 Juniors sein, mit 7 Senior/Mid-Level. Das ermöglicht angemessenes Mentoring und Code-Review.
Fehler 3: Prozesse zu früh oder zu spät
Zu früh: Enterprise-Prozesse bei 8 Developers einzuführen tötet Produktivität. Zweiwöchige Sprint-Planning-Meetings, formale Architecture Review Boards, extensive Documentation Requirements – das ist Overhead, den ein kleines Team nicht braucht.
Zu spät: Keine Struktur bei 25 Developers führt zu Chaos. Deployments sind chaotisch, niemand weiß was released wird, Merge-Konflikte ständig, Technical Debt explodiert.
Die Lösung: Just-in-Time Prozesse. Führe Prozesse ein, wenn der Schmerz fühlbar ist, aber bevor es zur Krise wird.
Praktisch:
- Code Reviews: Ab 3-5 Developers
- Sprint Planning: Ab 8-10 Developers
- Formale Architecture Reviews: Ab 15-20 Developers
- Performance Management: Ab 10-15 Developers
- OKRs: Ab 20-25 Developers
Fehler 4: Kultur vernachlässigen
Das Problem: Nur auf technische Skills fokussieren beim Hiring, Kultur als "Nice-to-Have" behandeln.
Warum es scheitert:
- Ein technisch brillanter Engineer mit toxischem Verhalten zerstört Team-Moral
- Culture Misfits führen zu Konflikten, Silos, politischen Spielen
- Gute Engineers verlassen das Unternehmen wegen schlechter Kultur
Die Lösung: Kultur-Fit ist non-negotiable. Lieber einen etwas schwächeren Engineer mit perfektem Kultur-Fit als einen Rock-Star mit Culture-Clash.
Konkret im Interview-Prozess:
- Dedizierter Culture-Fit-Interview-Teil
- Multiple Team-Members interviewen den Kandidaten
- Klare Culture-Values, gegen die evaluiert wird
- Back-Channel-References zu Culture-Aspekten
Fehler 5: Keine klaren Karriere-Pfade
Das Problem: Engineers wissen nicht, wie sie sich entwickeln können, was für Promotion nötig ist.
Warum es scheitert:
- Top-Performer verlassen das Unternehmen für klare Growth-Opportunities woanders
- Promotion-Decisions werden als unfair empfunden ("Warum wurde Sarah promoted aber ich nicht?")
- Engineers optimieren für die falschen Dinge
Die Lösung: Transparente Career Ladders. Dokumentiere klar für jeden Level:
- Erwartete technische Skills
- Scope of Impact (Individual → Team → Multi-Team → Organization)
- Leadership/Mentoring Expectations
- Beispiele von "What Good Looks Like"
Template für Career Ladder:
Senior Engineer (L5):
Technical Skills:
- Expert in 2+ areas (Frontend, Backend, Infrastructure)
- Can design and implement complex systems independently
- Writes code that is exemplary in quality
Impact:
- Drives projects to completion across 1-2 quarters
- Impact spans entire team
- Improves team processes and practices
Leadership:
- Mentors 1-2 Engineers effectively
- Leads technical discussions and design reviews
- Influences technical direction of team
Examples:
- Led migration of authentication system affecting entire product
- Mentored junior engineer who became productive contributor
- Improved deployment process, reducing deployment time 50%
Metriken für erfolgreiches Scaling
"What gets measured gets managed." Ohne Metriken fliegt man blind. Hier sind die kritischen Metriken für Team-Scaling:
Leading Indicators (Zeigen Probleme früh)
1. Hiring-Metriken:
- Time-to-Hire: Von erstem Kontakt bis Offer-Acceptance
- Target: < 4 Wochen
- Warnung: > 6 Wochen (Losing Good Candidates)
- Offer Acceptance Rate: Prozent der Offers, die akzeptiert werden
- Target: > 80%
- Warnung: < 60% (Compensation oder Pitch-Problem)
- Source Quality: Welche Kanäle liefern die besten Hires?
- Track: Referrals, Direct Sourcing, Agencies, Job Boards
- Optimiere für Quality, nicht nur Quantity
2. Onboarding-Metriken:
- Time to First Commit: Wie schnell erstellt ein neuer Engineer seinen ersten PR?
- Target: < 3 Tage
- Time to Productivity: Wann contributet der Engineer eigenständig Features?
- Target: < 30 Tage
- Onboarding Satisfaction: Survey nach 30 und 90 Tagen
- Questions: Fühltest du dich willkommen? Hattest du die nötigen Resources? War dein Buddy helpful?
- Target: > 4/5 Average
3. Team Health:
- eNPS (Employee Net Promoter Score): "Würdest du Freunden empfehlen, hier zu arbeiten?"
- Quarterly Survey
- Target: > 30
- Action bei: < 0
- Retention Rate: Prozent der Engineers, die nach 12 Monaten noch da sind
- Target: > 90%
- Warning: < 80%
- Internal Mobility: Prozent der Engineers, die intern Team/Rolle wechseln
- Target: 10-20% jährlich (zeigt Growth Opportunities)
4. Engineering Productivity:
- Deployment Frequency: Wie oft deployen wir?
- Elite: Multiple per Day
- High: Weekly
- Warning: < Monthly
- Lead Time for Changes: Commit bis Production
- Elite: < 1 Day
- High: < 1 Week
- Warning: > 1 Month
- Sprint Velocity: Trend über Zeit (nicht absolute Zahlen)
- Should be: Stable oder leicht steigend
- Warning: Kontinuierlicher Decline
Lagging Indicators (Zeigen Erfolg/Misserfolg)
1. Code Quality:
- Bug Rate: Bugs pro Feature oder pro Sprint
- Track Trend: Should decline or stay stable trotz Wachstum
- Incident Frequency: Production Incidents per Month
- Target: < 2 major incidents/month
- Tech Debt Ratio: Zeit für Tech Debt vs. Features
- Target: 20-30% Zeit für Tech Debt
2. Business Impact:
- Feature Completion Rate: Prozent der geplanten Features, die fertig werden
- Target: > 80%
- Time-to-Market: Idea bis Production für durchschnittliches Feature
- Should: Stable oder sinkend trotz Wachstum
- Revenue per Engineer: Controversial, aber manche Unternehmen tracken es
- Track Trend, nicht absolute Zahlen
- Should: Steigen mit Effizienz-Improvements
Tools und Systeme für Scaling
Die richtigen Tools können Scaling erheblich erleichtern.
Communication & Collaboration:
- Slack: Mit Struktur! Klare Channel-Conventions (#team-, #proj-, #tech-*)
- Notion oder Confluence: Zentrale Documentation, Runbooks, ADRs, Process Docs
- Loom: Async Video für Code Walkthroughs, Architecture Explanations
Development & Delivery:
- GitHub/GitLab: Source Control mit guten PR-Review-Tools
- Linear oder Jira: Task Management (Linear für kleinere Teams, Jira für größere)
- Vercel/Netlify oder Custom CI/CD: Automated Deployments
- Figma: Design Collaboration zwischen Design und Engineering
Monitoring & Observability:
- Datadog, New Relic, oder Grafana: Application Performance Monitoring
- Sentry oder Rollbar: Error Tracking und Alerting
- PagerDuty: Incident Management und On-Call Rotation
HR & People:
- Lever oder Greenhouse: Applicant Tracking System für Hiring
- Lattice, 15Five, oder Culture Amp: Performance Management, 1-on-1 Tracking, Surveys
- OfferZen, Hired: Developer-focused Recruiting Platforms
Fazit: Die Prinzipien erfolgreichen Scalings
Engineering-Team-Skalierung ist komplex, aber folgende Prinzipien führen konsistent zu Erfolg:
1. Proaktive Planung: Strukturen VOR dem Breaking Point einführen, nicht danach. Wenn das Chaos bereits da ist, ist es zu spät.
2. Kultur zuerst: Die besten Engineers verlassen toxische Kulturen. Kultur-Fit beim Hiring ist non-negotiable.
3. Prozess-Balance: Genug Struktur für Koordination, nicht so viel, dass es Bürokratie wird. Just-in-Time, nicht just-in-case.
4. Leadership Development: Die besten EMs und Staff Engineers kommen meist intern. Investiere früh in Leadership Development.
5. Kontinuierliche Optimierung: Nutze Metriken zur Identifikation von Problemen. Iterate auf Prozessen. Nichts ist in Stein gemeißelt.
6. Menschen über Prozesse: Am Ende sind es Menschen, die Software bauen. Glückliche, motivierte Engineers mit klaren Zielen sind produktiver als frustrierte Engineers mit perfekten Prozessen.
Das Skalieren eines Engineering-Teams ist eine der härtesten Herausforderungen im Unternehmenswachstum. Aber mit den richtigen Strukturen, bewusster Planung und kontinuierlicher Anpassung ist es möglich, von fünf auf 50+ Engineers zu skalieren while maintaining – oder sogar steigernd – Velocity, Code-Qualität und Team-Happiness. Der Schlüssel liegt darin, zu verstehen, dass Skalierung nicht lineare Extrapolation ist, sondern eine Serie von bewussten Transformationen an vorhersehbaren Schwellenwerten.